12.09.2017
Verenaha

Neid, mal anders betrachtet: von den guten Seiten eines miesen Gefühls

Es gibt Empfindungen, die braucht man so dringend wie eine Grippe: Angst, Liebeskummer, Neid. Oder? Wechselweib Heike fragt sich, ob dieser unangenehme Seelenbegleiter nicht auch eine wichtige Botschaft für uns hat.

Das Beste haben immer die anderen. Den interessanteren Job, den harmonischeren Urlaub, den schöneren Spätsommerteint und wahrscheinlich, ach was, ganz sicher: den aufregenderen Sex. Woher ich das so genau weiß? Weil ich so ein Teufelchen im Kopf habe, das alle Naslang in hämisches Gelächter ausbricht und von innen gegen meine Schädeldecke klopft: Hähä, siehste, die hat was, was du nicht hast, das passt dir gar nicht, gibt’s zu, na, naaa?

Closeup portrait of sneaky, sly, scheming young woman plotting something isolated on gray background. Negative human emotions, facial expressions, feelings, attitude

Aber mal ganz ehrlich: Haben nicht die meisten Menschen so einen miesen, fiesen Mitbewohner namens Neid? Völlig unabhängig davon, wie gut jemand im Leben aufgestellt ist – in Sachen Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Erfolg – , der Schurke findet immer jemanden da draußen, bei dem alles noch eine Spur runder läuft und noch ein wenig glänzender aussieht. „Neid ist die kleine Schwester des Selbsthasses“, schrieb eine Bloggerin kürzlich treffend. Stimmt. Aber, und nun die guten Nachrichten, das ist nur die halbe Wahrheit: Unser gehässiger Mitbewohner hat auch seine guten Seiten. Neid kann ein gestochen scharfer Kompass sein, der unsere eigentlichen Ziele anzeigt, ehe wir sie vergessen. Ein Präzisionsmessinstrument, das unerbittlich ans Tageslicht bringt, wo wir uns verfranst haben.

Klar: Es gibt diesen ganz offenkundigen Neid – warum verdient die mehr, warum hat die vollere Lippen oder das bessere Händchen beim Einrichten? – , der keine tieferliegende Message hat als das banale „Man kann halt nicht alles haben.“ Aber manchmal springt das Teufelchen auch ausgerechnet an Punkten aus der Schachtel, an denen man es selbst nicht erwartet hätte. Und da wird’s interessant. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich vor ein paar Jahren mal sehnsüchtig schmachtend Fotos von Carsten Maschmeyers Villa auf Mallorca in einem People-Magazin betrachtete und mich gleichzeitig fragte: Hast du noch alle Latten am Zaun? Du bist doch gar nicht der Society-Typ, du magst doch deinen Shabby-Großstadt-Altbau-Schick viel lieber? Bis ich dann merkte: Da ist tatsächlich etwas in mir, das sich nach ein bisschen Ruhe und Abgeschiedenheit sehnt. Und nach einem Sommerplatz zum Frühstücken, der größer ist als mein Mini-Stadtbalkon. Wir haben dann tatsächlich eine Hütte auf einem Campingplatz gekauft, die alles hat, worauf ich damals neidisch war. Die Ruhe, die Abgeschiedenheit, die Terrasse, und das schätzungsweise zu einem Hundertstel des Preises der Maschmeyer-Mansion. Bonus-Plus: Ich habe dort keine Veronica Ferres als Nachbarin.

Es lohnt sich also durchaus, mal genauer hinzuhören, wenn das Teufelchen spricht. Vor allem, wenn es hartnäckig bleibt. Wenn es bei entsprechender Gelegenheit immer wieder von einer Reise anfängt, von der man schon lange träumt, von einem Berufswechsel oder einem persönlichen Projekt – endlich Zeit nehmen für einen Yogakurs, endlich das Buch schreiben, das man seit Jahren heimlich im Kopf hat. Anderes wiederum, an dem Mitmenschen sich voller düsterer Leidenschaft abarbeiten, lässt mich völlig kalt: Size-Zero-Körper, klassische „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren“-Karriereschritte, die „wer-hat-den-leckersten“-Kuchenolympiade bei Schulfesten. Sehr entspannend, zu sehen: Es gibt durchaus Bereiche, in denen man ziemlich gut gönnen kann. Weil man diese Felder gerne anderen überlässt.

Klar, es gibt auch Wünsche, bei denen es wenig hilfreich ist, wenn der Neid-Kompass anschlägt. Weil sie sich der eigenen Planung weitgehend entziehen. Wie habe ich in meinen diversen Single-Zeiten die – vermeintlich – glücklichen Paare um mich herum beneidet, ohne dass dieses Gefühl mich irgendwo hin gebracht hätte als an den eigenen Küchentisch mit einem Glas Rotwein. Da half auch kein Gegurke durchs Nachtleben, da hilft heute zumeist kein simpler Tinder-Wisch, ein Glückstreffer in der Liebe ist eine Mischung aus Bereitschaft, Timing und Magie. Auch andere Lebensbereiche – Familie, Freundschaften, Gesundheit vor allem – stehen nur zu einem kleinen Teil in unserer eigenen Macht, und manche Päckchen wiegen einfach schwerer als andere. Aber in vielen Fällen kann der Neid uns eben durchaus zeigen, wo’s für uns lang gehen könnte, ohne Erfolgsgarantie, aber zumindest mal mit einer neuen Idee.

Von daher habe ich mich schon lange mit dem miesen, fiesen Teufelchen in meinem Kopf ausgesöhnt, denn manchmal sind seine Tipps einfach richtig gut. Nur deuten und umsetzen müssen wir sie selber – siehe Campinghütte und Nobelvilla. Was höre ich da? Das mit dem Umsetzen können alle anderen besser? Und das ist voll ungerecht? Also, bitte: nur kein Neid!