13.04.2017
Carmen

Meine Schwester und ich

Schwester: Person weiblichen Geschlechts in einer Geschwisterreihe (mit gemeinsamen Eltern).
So steht es in Meyers Großem Taschenlexikon.

Aber eine Schwester ist viel mehr. Zumindest meine für mich. Sie ist für mich Heil und Fluch zugleich.

Ich liebe meine Schwester. Wir sind anderthalb Jahre auseinander. Sie ist die Ältere, und da meine Eltern viel und hart arbeiten mussten, als wir noch klein waren, hatten wir nur uns. Wir haben füreinander gesorgt. Waren immer zusammen. Gingen auf dieselben Schulen, haben in der gleichen Stadt studiert, wo wir auch im selben Haus gewohnt haben. Wir hatten zwar zwei Wohnungen (Sabine im ersten Stock und ich im Souterrain), aber das Telefon (damals gab es noch keine Handys und die Telefone hatten eine Schnur) haben wir uns geteilt, ebenso das Auto (einen roten R4). Wir hatten auch fast den gleichen Freundeskreis.

Wenn es der einen schlecht ging, hat die andere sie wieder aufgebaut. Wir wussten, wir sind für einander da. Das war ein so gutes Gefühl. Wir waren nicht allein! Wir hatten uns! Streit kannten wir fast gar nicht. Toll!

backside of two girls sitting and hug together in the park in vintage color tone

Nach dem Studium ging ich dann in die Welt hinaus und Sabine ging wieder nach Hause. Sie zog in eine Wohnung im Haus meiner Eltern und blieb dort. Bis heute. Sie hat ihren Beruf, ihren Freundeskreis dort.

Alles lief wie immer. Dann starb mein Vater. Da wurde es schon schwierig. Sie hing so an ihm, wollte den Abschied nicht wahrhaben, und meine Mutter und ich machten eh immer alles falsch. Das habe ich damals nicht so wahrgenommen, da ich selbst in einem Tunnel war. Einfach funktionieren und durch. Im Nachhinein kamen die Gedanken. Sabine hatte vieles bestimmt. Selbst meine Mutter musste sich, als der Tod absehbar war, den Anzug für die Trauerfeier heimlich kaufen, da Sabine sonst bestürzt gewesen wäre, wie meine Mutter schon an die Trauerfeier denken konnte, obwohl mein Vater doch noch lebte. Eine meiner Freundinnen hatte mir den Tipp gegeben: „Antonia, wenn dein Vater tot ist, wird es ganz schwierig, solche Dinge zu erledigen. Macht es vorher.“ Sie hatte Recht, es war gut so.

Dann ging es ans Erbe und schon kam der erste richtige Streit. Funkstille für circa anderthalb Jahre. Wir beide litten und haben sogar gemeinsam eine Therapie versucht. Sabine brach sie dann aber ab. Irgendwie ging es dann, bis zu meinem 50. Geburtstag.

Ich wollte mit meiner Familie feiern und lud ein, da sagte meine Schwester: „Du Antonia, ich bin nicht da, ich bin im Urlaub. Feier doch einfach ein Wochenende später.“ Meinen Einwand, da habe doch unsere Schwägerin Geburtstag, wischte sie einfach weg: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und außerdem könntet Ihr doch zusammen feiern.“

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Konflikte sind nichts für mich. Ich versuche immer es allen recht zu machen. Gott sei Dank haben dann mein Schatz und meine beiden besten Freunde die Situation in die Hand genommen und mir einen Überraschungsgeburtstag geschenkt (ohne meine Schwester, aber wirklich schön).

Wir kamen dann wieder zusammen, aber seit diesem Sommer, nachdem meine Schwester meine Mutter aus dem Haus geworfen hatte, brach alles auf. Ich fing an zu hinterfragen, zu reflektieren. Den Wechseljahren sei Dank! Es ging immer nur um sie, nie um mich. Was wusste sie eigentlich von mir? Nicht viel. Hat sie aber auch nicht interessiert.

Ich fühle mich aber noch für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Ich kenne es ja nicht anders. Wir müssen füreinander da sein. Aber das will ich nicht mehr. Ich will mein Glück und Wohlbefinden nicht vom Glück und Wohlbefinden meiner Schwester abhängig machen. Sie ist auf Tauchstation gegangen, weil ich Grenzen gesetzt habe. Ich war „böse“, nicht für sie da. Das ist der Fluch, eine Schwester zu haben. Es braucht viel Kraft von mir, bei mir zu bleiben und mein Leben hier in Hamburg zu leben. Und zwar mit Freude!

Auch wenn die gesamte Situation nicht sehr erfreulich ist und oft weh tut, so danke ich meinen Wechseljahren, dass sie mir diese Chance bieten. Dass ich mein Leben und mich finden darf, so wie ich bin. Unabhängig von allem, was andere über mich denken oder sagen. Ich möchte so geliebt werden, wie ich bin und mich nicht immer rechtfertigen müssen. Ich möchte lernen, zu mir zu stehen, so wie ich bin und zu dem, was ich denke.

Der Weg wird nicht leicht werden, aber ich freue mich, dass ich ihn eingeschlagen habe. Ich liebe meine Schwester, aber nicht um jeden Preis. Das müssen wir beide noch lernen. Und dann hoffe ich, dass unsere Beziehung wieder ein Heil ist und nicht länger ein Fluch.

Wenn Sie vielleicht auch eine Schwester haben und mit ihr Höhen und Tiefen durchleben, schreiben Sie mir. Sie wissen doch, geteiltes Leid ist halbes Leid.

In diesem Sinne alles Liebe!
Ihre Antonia