20.12.2016
Verenaha

Der Lebenslauf der Liebe

Wenn wir älter werden, verändert sich vieles: unsere Einstellungen, unser Körper, und auch unsere sexuellen Wünsche. Eine Frau erzählt, warum Erotik mit Ende 40 etwas ganz anderes bedeutet als mit 20. Sabine, 48, ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Köln. Sie hat einen 17-jährigen Sohn und eine 15-jährige Tochter.

Den besten Sex meines Lebens? Den hatte ich nicht mit 18, als ich jung und knackig war. Auch nicht mit 28, als ich meinen ersten Mann kennen lernte und schon deutlich mehr darüber wusste, was mein Körper will. Nein: Die aufregendste und erotischste Zeit fing an, als ich Ende 30 war. Und jetzt bin ich noch mal zehn Jahre älter, und es ist nach wie vor wunderschön.

Close up profile of a couple having sex on a bed at home in the night

Aber der Reihe nach. Ich komme aus einer kleinen Stadt in Niederbayern, einem katholischen Elternhaus. Da wurde das Thema Sex schamhaft verschwiegen. Zum Glück gab es die „Bravo“, die ich heimlich bei Freunden las. Und eine Lehrerin, die uns in der 7. Klasse recht fortschrittlich aufklärte. Denn als das Fach Sexualkunde später noch einmal dran war, stand ein überforderter und verklemmter Lehrer vor uns, der etwas von Bienchen und Blümchen erzählte. Sein Lieblingsspruch: „Frauen sind wie Autoreifen, sie nutzen sich ab.“ So etwas prägt. Erstaunlich, dass ich überhaupt so clever war, mir vor meinem ersten Mal ein Rezept für die Pille zu besorgen. Auf Umwegen, meine Eltern durften nichts davon wissen.

Trotz meiner religiösen Erziehung war ich neugierig auf Sex, und hatte keinerlei Schuldgefühle, als ich mit 17 meinen ersten festen Freund kennen lernte. Auch nicht, weil ich in den folgenden Jahren immer wieder wechselnde Beziehungen hatte. Aber unterschwellig, da war schon eine ganze Menge an Scham und Verklemmtheit. Alle taten es, aber man sprach nicht darüber. Weder mit Freundinnen, noch mit den Jungen, mit denen man schlief. Was ich über Sex wusste, war größtenteils angelesen – aus erotischen Romanen, Ratgebern, Zeitschriften. Noch mit Mitte 20 machte ich bei der Liebe das Licht aus. Dabei war ich damals 15 Kilo leichter als heute und sicher objektiv hübscher.

Im Nachhinein weiß ich, dass mir damals gar nicht klar war, was mich erregt und befriedigt. Es war eher so: Die Männer gaben die Regeln vor, und ich spielte mit. Es war durchaus aufregend, vor allem mit dem Freund, den ich mit Anfang 20 hatte. Aber ich weiß auch, dass ich manchmal Praktiken mitgemacht habe, die mir nicht gefallen haben. Weil ein Mann es so wollte, und oft auch, wenn Alkohol im Spiel war. Das hinterließ ein sehr schales Gefühl.

Mein Liebesleben änderte sich, als ich mit Ende 20 Jörg kennen lernte. Dabei war der Sex anfänglich auch eher brav. Das Verrückteste war schon, wenn wir es mal im Auto taten oder im Sommer auf einer Wiese. Aber das Gefühl dazu war neu, diese besondere Verbundenheit. In der ersten Zeit führten wir noch eine Wochenendbeziehung, und oft kamen wir von Freitagabend bis Sonntagnachmittag nicht aus dem Bett. Er war der erste Mann, mit dem ich mir Kinder vorstellen konnte. Ich bin schnell schwanger geworden, zu ihm nach Köln gezogen und wir haben geheiratet.

Doch schon bald wurde das Begehren weniger. Manche Frauen finden sich ja besonders erotisch und weiblich mit dem schwangeren Bauch und den größeren Brüsten, ich fand mich zum Ende hin einfach nur noch fett und abstoßend. Als unser Sohn Christoph auf der Welt war, kam die Lust zwar wieder, aber nachdem zwei Jahre später unsere Tochter Tina geboren wurde, spielte Sex nur noch eine unbedeutende Nebenrolle.

Das lag nicht nur an den Kindern, sondern auch an unseren Lebensumständen. Jörg arbeitete im Betrieb bei seinen Eltern, und ich bekam dort auch einen Halbtagsjob, weil alle der Meinung waren, das sei am praktischsten. Aber mir waren Firma und Familie viel zu eng verzahnt. Abends im Ehebett haben wir eher Arbeitsprobleme gewälzt als miteinander zu schlafen. Wenn überhaupt, dann war das eher eine schnelle Triebbefriedigung. Ab und zu habe ich auch selbst Hand gelegt, wenn ich erotische Bedürfnisse hatte, aber Sex wurde in meinem Leben immer unwichtiger. Jörg und ich haben durchaus versucht, unsere Beziehung zu retten: Wir sind zur Eheberatung gegangen, haben im Sexshop nach Spielzeugen gesucht, die unser eingeschlafenes Liebesleben wieder in Schwung bringen. Aber ohne großen Erfolg. Mit Mitte 30 hatte ich so sehr mit dem Thema abgeschlossen, dass ich mich auch äußerlich in ein fast geschlechtsloses Wesen verwandelt habe: Ich habe mir die Haare radikal kurz schneiden lassen, nur noch weite Kleidung getragen und fand die Vorstellung, ein Mann würde mich anfassen, eher abschreckend als anregend.

Zwei Dinge haben mich aus dieser inneren Starre geweckt. Ich nahm einen neuen Teilzeitjob in einem Laden an, traf jüngere Leute, mit denen ich gelegentlich abends durch die Kneipen zog. Und: Ich lernte einen jüngeren Mann kennen, der sich von meiner „Rühr-mich-nicht-an“-Ausstrahlung nicht abschrecken ließ. Der etwas in mir sah, was ich selbst völlig ausgeblendet hatte. Gefühlsmäßig war diese Affäre nicht bedeutend, aber in dem Moment merkte ich: Ich bin noch nicht tot! Kurze Zeit später, nach neun Jahren Ehe, ließen Jörg und ich uns scheiden. Die Kinder kamen zu mir, verbrachten aber jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater.

Was dann kam, war die sexuell experimentierfreudigste Phase meines Lebens. Unter der Woche war ich ganz Mutter und engagierte mich im Job, aber die freien Wochenenden gehörten ganz mir. Fast eine Art Doppelleben – es war mir wichtig, dass meine Kinder nichts von meinen Liebschaften mitbekamen. Über das Internet habe ich schnell Bekanntschaften geschlossen, und war dabei ganz entspannt. Denn ich wusste: Ich brauche nicht unbedingt einen festen Partner, um glücklich zu sein, und ich brauche auch keinen Versorger. Was ich will, sind junge, attraktive Männer, mit denen ich Spaß haben kann – und wenn etwas Festes daraus wird, auch gut. Gefiel mir einer, habe ich ihn gleich beim ersten Date geküsst, und wenn das schön war, sind wir meistens recht schnell im Bett gelandet. Dass mein Körper mit 40 Jahren und nach zwei Schwangerschaften nicht mehr ganz so taufrisch war, hat mich dabei nie gestört. Und die Männer auch nicht. Nicht, dass mir das Älterwerden gar nichts ausmacht: Ich habe mir damals Falten weglasern lassen, und auch Botox ausprobiert, und ich kämpfe seit Jahren um meine Figur. Aber den Spaß am Sex hat das nicht beeinträchtigt.

Fast ein Jahr lang hatte ich eine sehr aufregende Affäre mit einem 15 Jahre Jüngeren, der enorm verspielt war. Tom brachte mir Sexspielzeug mit, zog sich versuchsweise mal meine Dessous und Seidenstrümpfe an, oder kam mit essbaren Körperfarben, die wir uns gegenseitig ableckten. Ich habe sehr genossen, wie er die Regie übernahm. Aber, ganz ehrlich: Auf Dauer wäre mir diese Art von Sex zu anstrengend. In einer festen Beziehung ist es eben auch schön, wenn man mal abends im Bett ganz unaufgeregt Liebe macht und danach Arm in Arm einschläft.

Auch meinen zweiten Ehemann Stefan habe ich im Internet kennen gelernt. Da war ich schon 43, habe aber erst einmal behauptet, ich sei 39 – mein wahres Alter habe ich ihm erst nach ein paar Wochen gebeichtet. Ich muss sagen, wir profitieren beide von der wilden Zeit, die ich in den Jahren davor hatte. Vieles hat Stefan mit mir zum ersten Mal erlebt, und ist dabei sehr neugierig und aufgeschlossen. Wir gucken uns zum Beispiel gerne gemeinsam Pornos an, oder suchen schöne Wäsche aus. In letzter Zeit brauche ich etwas stärkere Reize als früher, um erregt zu werden – das hat sicher auch damit zu tun, dass ich allmählich in die Wechseljahre komme. Natürlich lässt die Häufigkeit nach, aber oft schlafen wir immer noch mehrmals pro Woche miteinander. Allerdings meistens im Schlafzimmer. Das wäre doch zu peinlich, wenn meine Kinder uns in flagranti erwischen würden.

Christoph ist mittlerweile 17, Tina 15 Jahre alt. Und ich versuche, ihnen ein ganz anderes Bild von Sexualität zu vermitteln, als meine Eltern es mit mir gemacht haben. Nichts ist schlimmer, als mit Problemen oder Fragen allein dazustehen – sie wissen, dass ich immer ein offenes Ohr für sie habe. Besonders Tina sage ich immer: Sex ist eine wunderschöne Sache – aber tu nie etwas, was du nicht wirklich möchtest. Natürlich ist auch das Thema Verhütung ganz wichtig, das schärfe ich ihnen immer wieder ein, auch wenn sie dann abwinken und sagen: Mama, das wissen wir doch alles.

Oft, wenn ich die beiden so sehe, werde ich ein bisschen wehmütig, weil sie schon so groß sind. Ich habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, noch ein Baby zu bekommen, auch wenn das wohl sehr schwierig würde. Ich habe meine Periode nur noch unregelmäßig, und außerdem müsste ich meine Sterilisation rückgängig machen. Aber Stefan kann dem Gedanken nichts abgewinnen. Ist vielleicht auch besser so. Ein kleines Kind steht in einer Ehe sehr im Vordergrund, und das könnte unserer Beziehung auch schaden.

Ob ich schon alles erlebt habe, was mich sexuell reizt? Ich weiß es nicht. Manchmal habe ich Tagträume, und bin dann unschlüssig, ob ich sie eigentlich verwirklichen möchte, oder ob die Vorstellung aufregender ist als die Realität jemals sein könnte. Ich male mir zum Beispiel aus, wie es wäre, mit Stefan in einen sehr edlen, sehr stilvollen Swingerclub zu gehen – zum Zuschauen, vielleicht sogar zum Mitmachen. Aber um mich dort wohlzufühlen, zwischen fremden Körpern, müsste ich mindestens zehn Kilo abnehmen. Vielleicht werde ich ja deshalb nicht dünner: Ein prima Vorwand, der mich vor meinen eigenen gefährlichen Wünschen schützt. Das Wichtigste ist doch, dass man die Neugier nicht verliert. Und die Hoffnung, dass das Liebesleben immer noch Überraschungen bereithält. Schlimm finde ich, wenn Frauen meines Alters resignieren und sich mit schlechten Beziehungen und drittklassigem Sex zufrieden geben. Ich habe sogar schon mal einer Freundin einen Dildo zum Geburtstag geschenkt, als kleine Aufforderung: Mach was aus deinem Liebesleben – wenigstens für dich allein. Eine Freundin hat einmal zu mir gesagt: Das bekannte Unglück ist uns lieber als das unbekannte Glück. Da bin ich doch froh, dass ich mich noch mal auf die Suche nach dem Glück gemacht habe. Und ein erfülltes Sexleben gehört für mich auf jeden Fall dazu.

(Protokoll: Heike)