25.11.2016
Carmen

2016 wird mein Jahr!

Ich habe eine Karte mit diesem Ausspruch im Januar 2016 an meine Flurtür geklebt. Positive thinking!
Und nun neigt sich das Jahr 2016 langsam dem Ende zu.
War es mein Jahr?

Ich kann es im Moment gar nicht beantworten. Ich fühle mich in der Schwebe, voll mit Fragen. Vielleicht bin ich aber auch auf dem Weg.

Panorama Holzsteg Nordsee

Wie Sie wissen, sind mein bester Freund und meine „Mutterfreundin“ gestorben. Außerdem musste ich eine ganz liebe Nachbarin, die Mutter meines besten Freundes und noch eine sehr gute Freundin beerdigen. Warum gehen alle? Klar, das ist der Lauf des Lebens. Wir wissen, dass wir alle einmal von dieser schönen Welt gehen müssen. Aber gleich so viele auf einmal? Ich bin auf meine Ängste zurückgeworfen worden. Mama ist jetzt bald 79 – was ist, wenn sie gehen muss? Sie geht damit so realistisch um. Antonia, ich hatte ein schönes Leben. Wenn ich gehen muss, dann ist das okay. Ich möchte nur nicht leiden oder anderen zur Last fallen.

Ich fühlte mich so verlassen, so allein. Ein kleines Mädchen, das sich nach Geborgenheit sehnt. Doch es geht noch weiter. Zusätzlich hatte ich ein Gerichtsverfahren an der Backe. Meinen schon vier Mal befristeten Vertrag wollte ich nun endlich entfristet haben, wie es mir von Rechts wegen auch zustand. Ich habe gewonnen, aber es hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet. Mein Gedanke: Du übergibst alles deinem Anwalt und dann läuft das schon. Nichts da! Fast jeden Tag mit dem Anwalt gemailt, weil immer wieder neue Fragen kamen. Ich konnte nicht abschalten in meinen Ferien, denn es ging um meinen Job, meine Zukunft.

Dann kam ich aus dem Urlaub nach Hause und erfuhr am Telefon, dass meine Schwester und meine Mutter sich völlig zerstritten hatten und kein Wort mehr miteinander sprachen. Meiner Schwester war der Faden gerissen und sie hatte meine Mutter aus dem Haus geschmissen. Nach drei Wochen konnte ich zumindest nachvollziehen, dass sich meine Schwester nur abgegrenzt hat, an sich gedacht hat, aber in meinen Augen ist das Maß immer noch überzogen. Ich fühlte mich zerrissen. Ich liebe sie beide, wollte keinen kränken. Ich war wieder allein auf weiter Flur.

Und zu hoffentlich guter Letzt wird mir bei einer von zwei freiberuflichen Arbeitsstellen gekündigt, mit der Begründung ich wäre dreimal krank gewesen, man könne sich nicht auf mich verlassen und es wäre zu meinem Wohle. Die Chefin war mal meine Freundin und nun das!

Ach ja, das hätte ich fast vergessen: Nach zwei menstruationsfreien Jahren bekam ich im Sommer zweimal auch noch meine Periode. So schmerzhaft wie nie zuvor.

Nach all den vielen Todesfällen und was sonst noch auf mich eingestürzt ist bin ich in eine „neuro-hormonelle“ Depression gefallen. Es hat gedauert, aber nun sehe ich wieder ein kleines wunderschönes Licht am Ende des Tunnels und das Leben hat mich wieder.

War 2016 mein Jahr?
Ja, es hat mich wieder einen Schritt näher zu mir gebracht.
Ich habe mir ein neues Auto gekauft, einen Hybrid. Einfach klasse. Ich gleite jetzt nur noch durch Hamburg. Und ein neues Handy ist auch da. Jetzt kann ich endlich wieder telefonieren mit dem Telefon. Und nicht nur alles andere machen, außer eben telefonieren. Und ich bin mir näher gekommen. Ich bin zu meiner Mutter gefahren, da ich nicht allein sein konnte, und wir haben eine neue Art von Beziehung aufgebaut. Haben viel geredet und viel erledigt. Haben mir ein neues Zuhause aufgebaut, da durch den Streit zwischen meiner Mutter und meiner Schwester mein bisheriges Zuhause abhanden gekommen war.

Wir waren nicht mehr nur Mutter und Tochter, mit all den Schwierigkeiten und Abhängigkeiten, sondern jeder war eigenständig mit Respekt, Toleranz und ganz viel Liebe für den anderen.

Am Schluss sagte meine Mutter zu mir: Ich hab dich lieb! Du bist ein ganz toller und liebenswerter Mensch und darüber hinaus auch ein sehr angenehmer Mitbewohner. Das war für mich ein ganz tolles und vor allem neues Gefühl und tat sehr gut.

2016? Mein Jahr?

Ich habe mir eher die Frage gestellt: Wer bin ich? Meine Ängste standen auf einmal wieder ganz groß vor mir. Angst, nicht zu genügen. Angst, allein zu sein. Angst, nicht geliebt zu werden. Heute weiß ich, sie werden immer ein Teil von mir sein, sie werden nie verschwinden. Aber ich bin dabei, meine Ängste anzunehmen. Ja, sie sind da. Ich muss keine Angst mehr vor ihnen haben. Sie gehören mir und zu mir. Langsam begebe ich mich wieder ins Leben und spüre sogar wieder ein bisschen Freude. Ich sage nicht, dass es ein leichter Weg ist, aber es ist ein spannender Weg.

Ich verändere mich und meine Sicht auf die Dinge. Ich „erwachse“ aus mir.
Auf meinem Schreibtisch steht auch eine Karte. Darauf steht:
Werde, die du bist!

Ich bin dabei! Und Sie?
Lassen Sie von sich hören. Wie geht Ihr Wechsel vonstatten? Reden, oder auch schreiben hilft uns, zu wachsen.

Ich freue mich und grüße Sie
Ihre
Antonia