21.10.2016
Verenaha

Last night a DJ saved my life: endlich mal wieder feiern gehen!

Der perfekte Samstagabend über 40: lecker kochen, Wein aufmachen, Lieblingsserie gucken, auf dem Sofa einschlafen. Gähn. Wechselweib Heike hat sich an ihre Tanzwut von früher erinnert und wollte mal wieder einen bewegteren Abend erleben.

Tanzen gehen, ich? Aber immer! So dachte ich jedenfalls die längste Zeit meines Lebens. Seitdem ich 14 war und montags die Tage bis zur Tanzkursparty am Samstag Nachmittag zählte. Dort übten wir zu Stevie-Wonder- und Michael-Jackson-Beschallung unsere Discofox- und Jive-Figuren und sahen uns dabei unauffällig nach festen Tanzpartnern um. Oder zumindest nach jemandem, der beim Klammerblues nicht allzu schwitzige Hände hatte und der uns später zur Straßenbahnhaltestelle brachte. Aber eigentlich waren die Jungs gar nicht so wichtig. Wir wollten nur das eine: tanzen.

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Ein, zwei Jahre später schlich ich mich dann an den Wochenenden abends mit immer neuen, geliehenen Personalausweisen von Freundinnen über 18 in die örtlichen Discos, und erstaunlicherweise drückten die Türsteher stets ein Auge zu, auch wenn sie das Spielchen durchschaut haben müssen. Wir fanden uns wahnsinnig erwachsen und verrucht, wenn wir bei „Get down on Saturday night“ laut mitgrölten: „Make love until the morning comes.“ Dabei hatten wir noch kaum Ahnung vom echtem Love-Making, wir tanzten uns eher die Füße aus dem Leib und vergaßen manchmal, dass unsere Mütter zu Hause besorgt durch die Küche tigerten – so war die prä-digitale Ära. Am Montag in Mathe drapierten wir dann betont lässig unsere Handrücken auf dem Schultisch, damit unsere Banknachbarn unsere coolen, zwei Tage alten Stempelaufdrucke sahen. Ich weiß noch, die Disco im Nachbarort hatte einen Stempel, auf dem „Frischfleisch“ stand. Fanden wir irre lustig.

Mit 20 zog ich in eine Großstadt, die eine paradiesische Auswahl an Tanzflächen bot. Allerdings bewacht von blasierten Türstehern, denen ich zwar nicht zu jung, aber häufig zu uncool war. Egal – irgendwann hatte ich auch dort neue Freundschaften geknüpft und herausgefunden, was man tun musste, um eingelassen zu werden (arrogantes Starren ist die wirkungsvollste Methode!). Zehn Jahre später zog ich erneut um, in eine noch größere Stadt, und dort bekam meine Tanzwut einen ersten Dämpfer. Nicht, dass man dort nicht ausgehen könnte. Aber ich lernte dort einen bekennenden Nicht-Tänzer kennen und lieben. Klar, ich hätte auch allein oder mit neuen Bekannten losziehen können – aber ich schätze, ich war einfach müde geworden. Ich genoss es, abends zur Abwechslung mal gute Gespräche in schönen Lokalen mit immer dem selben interessanten Mann zu führen, statt vor einer Riesen-Box immer neuen Bekannten ins Ohr zu schreien („Echt, du bist ursprünglich aus der Lüneburger Heide?“). Und dann kamen die Kinder, und das Wort Nightlife bekam eine völlig neue Bedeutung. Vor allem meine Tochter machte als Baby im Stundenrhythmus die Nacht zum Tage.

Das ist nun auch schon wieder zehn Jahre her. In diesen Jahren kann man an zwei Händen abzählen, wo und wie häufig ich getanzt habe – obwohl ich durchaus Lust gehabt hätte. Mal auf einer privaten Silvesterparty, mal auf einer Hochzeit, mal…tja. Da hört es auch schon auf. Die Gelegenheiten wurden weniger, oder sie passten nicht mehr zu mir. Wer will schon übermütig nachts vor einem Club auftauchen und sich dort vom Türsteher fragen lassen, ob man seine Teenagertochter sucht? Umgekehrt atmeten offizielle Ü-40-Partys für mich immer den Hauch der Verzweiflung, und darauf hatte ich keine Lust. Genau so wenig wie auf altersgemäße Tanzvarianten wie Tango und spirituelles Bauchwackeln.

Dabei blieb es dann auch – bis zum vorletzten Wochenende. Denn ich habe herausgefunden: Ich bin nicht allein mit meiner unerfüllten Tanz-Sehnsucht! Bekannte von mir, denen es ähnlich ging, haben die Sache in die Hand genommen: Eine Location gemietet, einen DJ und Barpersonal engagiert und die Kosten auf eine größere Menge partyfreudiger Menschen irgendwo zwischen 35 und 65 umgelegt. Das musste man mir nicht zweimal sagen: tanzen, bis der Himmel wieder lila wird. War alles wie früher, jedenfalls fast. Die Frauen rockten los, als gäbe es kein Morgen, die Männer standen in sicherem Abstand, guckten und hielten sich an ihren Bierflaschen fest. Das volle Programm, nur ohne Klammerblues und Eltern, die in der Seitenstraße mit dem Auto auf uns warteten. Aber darauf kann ich gut verzichten.

Als ich nachts um kurz vor zwei mit einer Kollegin in Richtung Taxistand stöckelte, fühlte ich mich jedenfalls so jung wie lange nicht mehr. Wenigstens so jung wie schon lang nicht mehr um diese Uhrzeit. Sicher: Ich werde auch künftig die meisten Freitage und Samstage eher im Kino, beim Essen oder auf dem heimischen Sofa verbringen. Aber ich weiß jetzt ganz genau, wie ich meinen Fünfzigsten feiern werde: mit DJ und Tanzfläche. Meine Kinder werden mich peinlich finden. Aber da müssen sie durch.