16.07.2014
Carmen

Neue Medien? Nicht für mich…

Letztens erhielt ich einen  Anruf meines Mobilfunkanbieters.
„Sie sind so eine treue Kundin (stimmt, ich habe seit mehr als zehn Jahren den selben Tarif) und da möchten wir ihnen einen neuen Tarif mit Telefon-, SMS- und Internetflat anbieten.“ „Nein danke, ich bin gerade dabei, meinen Handygebrauch einzuschränken.“ Fassungslosigkeit auf der anderen Seite, Stolz bei mir.

Immer überall alles wissen. Aber will man das überhaupt?

Immer überall alles wissen. Aber will man das überhaupt?

Sie fragen sich jetzt bestimmt, warum macht sie das? Warum ist sie sogar noch stolz darauf? In unserer Gesellschaft geht doch heute nichts mehr ohne online zu sein. „Wie, du bist nicht bei Facebook, twitterst nicht und weißt noch nicht, mal was WA bedeutet?“ „Nein! Bin ich nicht und weiß ich nicht!“

Manchmal komme ich mir dann schon sehr „alt“ vor, wenn meine Schüler im Unterricht mal schnell ins Netz gehen und mir dann eine Antwort präsentieren. Ich gehe dann eben einen Raum weiter und schaue in den Lexika nach. Meistens habe ich die differenziertere Antwort.

Vor kurzem habe ich gelesen, in Finnland besteht schon die Möglichkeit, dass wir uns einen Chip unter die Haut am Handgelenk transplantieren lassen können. So brauchen wir weder Geld noch Karten, um unseren Einkauf  zu bezahlen. Einfach mit dem Handgelenk über den Scanner, schon ist alles bezahlt. Das ist doch super! Keine Zeit verlieren, immer und überall konsumieren können. Spontan, ohne Zwänge. Habe ich genug Geld dabei, ist die Karte eingesteckt? Kein Problem mehr. Wir haben ja unseren Chip!

Aber wollen wir das?
Ich nicht!
Ich habe Angst.

Im Zeitalter von NSA und BND und wer weiß, wer noch daran beteiligt ist, möchte ich nicht noch gläserner werden. Schon heute kann ich mittels meines Handys abgehört werden, wenn es angeschaltet neben mir auf dem Tisch liegt, oder wer weiß wo sonst. Wann habe ich mit wem was kommuniziert? Alles kein Problem mehr. Wo bleibt meine Privatsphäre? Außerdem merke ich, je älter ich werde, dass meine Zeit mir sehr kostbar wird. Ich möchte selbst entscheiden, wann ich für wen erreichbar bin.

Es fängt doch schon damit an, dass ich eine Mail erhalte und 10 Minuten später bekomme ich einen Anruf, oder schnell eine SMS, warum ich nicht antworte. Was entsteht denn da für ein Druck? Ich bin wirklich dankbar dafür, dass uns heute, im 21. Jahrhundert, viele Wege offenstehen, aber ich möchte selbst über mich und meine Zeit bestimmen. Das Recht nehme ich mir mit 52 heraus – dank des Erlebens meiner Wechseljahre. Ich bin nicht mehr für jeden jederzeit erreichbar. Auch nicht für meinen Mobilfunkanbieter, wenn er das nächste Mal versucht, mir einen neuen Tarif anzubieten.

Herzliche Grüße
Ihre Antonia☺

PS Das Thema ist so komplex, ich weiß, und ich könnte noch eine ganze Menge dazu schreiben. Was denken Sie denn darüber? Auf einen anregenden Austausch freue ich mich!



2 Kommentare

  • Anna sagt:

    Liebe Antonia,

    ich habe gerade Ihren Beitrag zu den neuen Medien gelesen…und fühlte mich dann gleich mit meiner Aversion gegen Facebook, Twitter etc. pp. nicht mehr ganz so allein. :-)
    Auch ich nutze Internet und bin begeistert über viele Möglichkeiten, die es früher einfach SO nicht gab (hauptsächlich Recherche in den Bereichen Musik und Literatur etc). So habe ich vieles Neue und Interessante kennengelernt, und das bereichert mein Leben, das zur Zeit ansonsten etwas einsam ist.
    Aber dieser inflationäre Gebrauch von Facebook, Twitter, Smartphones, Tablets etc erzeugt bei mir Überforderungsschwindel. Ich kann mich noch erinnern, wie vor Jahrzehnten die Schallplatte durch die CD abgelöst wurde. Schon das war gar nicht so einfach für mich…aber es stand auch nicht ein so derber Zwang dahinter wie heute. Gut, irgendwann gab es Vieles nicht mehr auf Vinyl und man MUSSTE einfach zur CD greifen. Heute habe ich beides, also CDs und meine ollen Platten, und bin hocherfreut darüber, dass Vinyl wieder richtig „in“ geworden ist und viele Interpreten ihre Songs auch auf Vinyl pressen lassen bzw. auch dort andere Aufnahmetechniken zum Tragen kommen.
    Aber das ist alles eigentlich kein Vergleich zu dem, was da so seit gefühlt fünf Jahren passiert. Manchmal hängen mir allein die WORTE Facebook und Twitter nur noch aus dem Hals heraus, weil das Ganze so inflationär betrieben wird. Und wer kein Smartphone hat, wird doch manchmal schon etwas schräg angeschaut, auch in meiner Altersklasse (bin 50). Vielleicht liegt es auch an den Wechseljahren, die mich grad mit allerlei Symptomen ziemlich plagen und an meiner ständigen Erschöpfung, dass mich der ganze Hype um diese neuen Medien einfach nur noch NERVT. Viel zu viel, viel zu schnell, viel zu viel völlig unnützer Kram. Ich denke auch, dass Vieles dadurch oberflächlicher geworden ist…und manchen Dingen wird einfach die Spannung genommen, weil fast alles permanent verfügbar ist. Wer braucht schon zehntausende Musikstücke auf einem Gerät??? Wie oben schon gesagt – ich sehe auch das Positive in der Internetentwicklung. Aber mir machen auch alle damit verbundenen Gefahren Angst. Ich staune schon sehr, wenn ich sehe, dass genau die gleichen Leute, die früher vehement gegen Volkszählung und dergl. waren, heute so völlig arglos alles Mögliche über sich preisgeben via Neue Medien. Es scheint mir fast wie ein Massenzwang.
    Mich überfordert diese Neue-Medien-Welle oft derartig, dass ich fast ins andere Extrem falle, kaum noch Tv schaue und einen Riesenbogen um Smartphones, Tablets und Co mache. Manchmal habe ich Angst, mich damit irgendwann sozial auszugrenzen. Und das finde ich schlimm. Noch nie habe ich eine solche Massenverblödung via technischer Geräte – in diesem Falle Smartphones – erlebt. Warum glauben alle, sie müssten permanent in diese Dinger glotzen, riskieren dabei (z. B. beim Spazierengehen, Fahrrad oder Autofahren), sich selber oder andere zu schädigen. Ich habe Angst, dass der direkte Kontakt immer weniger wert wird. Schon heute stelle ich fest, dass ich meine Nichten kaum noch ans Telefon bekomme. Das Höchste der Gefühle ist eine sms – und dass auch nur deshalb, weil ich ein olles Handy habe, das nicht „What’s app“-fähig ist. :-(
    Ich freue mich auf weiteren Austausch.
    Herzliche Grüße,
    Anna

  • Andrella sagt:

    Hallo Antonia, ich kann Ihre Ängste auch sehr gut verstehen. Ich gehöre zur aussterbenden Bevölkerung, denn ich bin nicht bei Facebook, nicht bei Twitter, habe kein Smartphone, sondern ein einfaches Handy zum telefonieren, habe nur einen Surfstick fürs Internet, also kein WLAN und die dazugehörige Flatrate. Und jetzt kommts, ich bin trotzdem glücklich und zwar sehr glücklich. Ich unterliege keinem psychischen Druck von außen, kann noch gut schlafen und mich mit sinnvollen Dingen beschäftigen. Ich finde das alles um mich herum fürchterlich und mit der Zeit unerträglich. Wann hat das bloß alles ein Ende. Eine Steigerung der ganzen Technik ist kaum noch möglich, glaub ich. Aber schlimmer geht immer. Unsere Jugend tut mir nur leid. Bin froh, in einer Zeit groß geworden zu sein, in der es all das nicht gab. Ihr Artikel sagt alles, was auch mir am Herzen liegt. Glauben Sie mir, wir sind auf jeden Fall auf der besseren Seite, menschlich gesehen und nur das zählt. LG